Anti-Müller-Hormon - die biologische Uhr?
Kann ich überhaupt noch schwanger werden, lohnen sich teure Techniken der
Reproduktionsmedizin, wie weit bin ich von den Wechseljahren entfernt?
Irgendwann im Leben einer Frau können diese Fragen aufkommen. Die Antwort
liefert möglicherweise das Anti-Müller-Hormon, AMH.
Die
Geschlechtsdifferenzierung erfolgt in der Embryonalzeit. Grundsätzlich
werden alle Embryonen weiblich, es sei denn, der Chromosomensatz enthält
ein Y-Chromosom. Nur dann werden sie männlich. Aus den Wolff'schen Gängen
bilden sich in der Embryogenese männliche Geschlechtsorgane, aus den
Müller'schen Gängen weibliche.
Unter dem Einfluss des Y-Chromosoms bilden die Sertoli-Zellen in den
Keimdrüsen männlicher Embryonen das Anti-Müller-Hormon, unter dem die
Müller'schen Gänge verkümmern, wie der Name schon sagt. Fehlt das Y-Chromosom, verkümmern die
Wolff'schen Gänge, der Embryo wird also weiblich.
Bis
zur Pubertät bilden nur Jungen AMH, das später um das Testosteron bei der
Virilisierung (Vermännlichung) ergänzt wird. Bei Mädchen wird AMH erst ab
der Pubertät in den Granulosazellen der heranwachsenden Follikel (Eibläschen)
der Eierstöcke (Ovarien) gebildet, nicht aber in den Primordialfollikeln,
den angelegten Vorstufen, und auch nicht in den unter FSH-Einfluss
stehenden antralen Follikeln vor dem Eisprung. Offensichtlich reguliert
AMH den Follikelverbrauch der Frau.
AMH
ist proportional korreliert mit der Anzahl reifungsfähiger Ovarialfollikel.
Es
ist zyklusstabil und zeigt daher jederzeit die ovarielle
Funktionsreserve an, auch unter Gebrauch von Kontrazeptiva oder in der
Schwangerschaft. Es kann daher ideal als Marker für die ovarielle
Fertilität der Frau herangezogen werden, anders als Inhibin B
oder FSH, die zyklischen Schwankungen unterliegen..
Zwischen dem 18. und 30. bis 35. Lebensjahr ist der AMH-Spiegel im Blut
relativ konstant und sinkt mit zunehmendem Alter als Ausdruck der
eingeschränkten funktionellen Eierstock-Reserve ab. Dabei ist ein
signifikanter AMH-Anfall bereits Jahre vor einem FSH-Anstieg zu
beobachten, als Ausdruck der Wechseljahre.
Bei
Frauen mit uneingeschränkter ovarieller Funktionsreserve werden AMH-Werte
zwischen 1,0 und 8,0 µg/l im Blut gemessen. Bei 0,4 bis 1,0 µg/l ist die
Funktionsreserve eingeschränkt. Nach der Menopause (letzte Regelblutung in
den Wechseljahren) werden Werte unter 0,4 µg/l gemessen.
Für
die Reproduktionsmedizin bedeutet das:
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Bei eingeschränkter ovarieller Funktionsreserve sind signifikant höhere
rFSH-Dosen zur Stimulation der Eierstöcke erforderlich. Je niedriger die
AMH-Werte sind, desto unwahrscheinlicher wird der Stimulationserfolg.
Bei biologisch fortgeschrittenem Alter sollten hier Kosten und
wahrscheinlicher Misserfolg gegen einander abgewogen werden. Was nicht
geht, geht nicht - hart aber fair.
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Bei höheren normwertigen AMH-Spiegeln wird die Wahrscheinlichkeit eines
ovariellen Überstimulationssyndroms unter Gabe von rFSH größer.
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Beim PCO-Syndrom werden oft übernormwertige AMH-Spiegel zwischen
8,0-15,0 µg/l gemessen. Bei off-label-use mit Metformin, einem
Antidiabetikum, können die AMH-Konzentrationen signifikant und
längerfristig gesenkt werden.
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Der AMH-Spiegel sagt nur etwas aus über die Stimulierbarkeit der
Eierstöcke, aber nichts über den Eintritt einer Schwangerschaft bei
erfolgreicher Stimulation.
Zur
Frage, wie weit bin ich von den Wechseljahren entfernt, lohnt sich
angesichts der Arzt- und Laborkosten von insgesamt ca. 60-70 Euro die
Bestimmung des AMH-Spiegels nicht, wenn Kinderwunsch nicht besteht. Die
Wechseljahre kommen erst einige Jahre nach dem AMH-Abfall.
Die Frage, kann ich mit der Umsetzung
meines Kinderwunsches noch warten, kann bei Frauen jenseits des 30.-35.
Lebensjahres beantwortet werden, wenn kein PCO-Syndrom vorliegt.
Zur
Abschätzung des reproduktionsmedizinischen Erfolgs bei Kinderwunsch wird
heute allerdings jenseits des 30.-35. Lebensjahres zur
AMH-Bestimmung dringend geraten, um die Hormondosen möglichst frühzeitig anpassen
und teure, aber nicht erfolgsträchtige Behandlungen vermeiden zu können.
Achtung!
Labors arbeiten mit unterschiedlichen
Konzentrationsangaben. Das Anti-Müller-Hormon sagt der Frau
etwas über ihr biologisches Alter aus, was zu intra- und
inter-individuellen Konflikten führen kann. Deshalb immer auf die
Dimensionen achten!
Für AMH gilt:
µg/l = ng/ml x ~7,1 =
pmol/l
pmol/l / ~7,1 = ng/ml =
µg/l