Polycystische Ovarien und PCO-Syndrom
Polycystische Ovarien (PCO) sind definitionsgemäß Eierstöcke, die acht
oder mehr Follikelcysten bis maximal 10 mm Durchmesser aufweisen und deren
Bindegewebe vermehrt ist.
Beim
PCO-Syndrom (PCOS) handelt es sich nicht um ein einheitliches
Krankheitsbild sondern um eine Gruppe von Symptomen, die einzeln oder in
Kombination miteinander auftreten können. Immer ist beim PCOS allerdings
eine Hyperandrogenämie (Vermehrung männlicher Geschlechtshormone)
vorhanden.
Ein
Fünftel bis ein Viertel aller Frauen in der reproduktiven Phase ihres
Lebens weisen mehrzystisch veränderte Ovarien auf, ohne die
Definitionskriterien der PCO zu erfüllen. Selbst bei Vorliegen von PCO
entwickelt nur ein Viertel der Frauen ein PCO-Syndrom (PCOS).
Anders
sieht die Verteilung bei Patientinnen aus der Sterilitätssprechstunde aus.
Von ihnen weist jede Vierte einen erhöhten Androgenspiegel auf - u. U.
auch ohne nachweisbare polycystische Ovarien.
Neben
der Hyperandrogenämie gehören oder können zum PCO-Syndrom gehören:
-
Blutungsstörungen im Sinne ausbleibender oder seltener Regelblutungen
-
Vermehrte
Körperbehaarung vom männlichen Behaarungstyp (Hirsutismus)
-
Übergewicht
-
Unerfüllter
Kinderwunsch
-
Veränderungen des Fett- und Kohlenhydratstoffwechsels
-
Akne
-
Haarausfall (Alopezie)
Typisch
für PCO sind die im Ultraschall darstellbaren vielfachen Follikel (Eibläschen)
bei vergrößerten Ovarien. Ein dominanter oder Leit-Follikel fehlt häufig. Die
Follikel reifen nur bis zum sogenannten antralen Stadium heran, entwickeln
sich jedoch nicht zu einem sprungreifen Tertiärfollikel weiter. Daraus
resultieren anovulatorische Zyklen, das Ausbleiben der Regelblutung und
Infertilität.
Wie
entsteht das PCO-Syndrom?
Dem PCOS
liegen verschiedene hormonelle und zelluläre Fehlkreisläufe zugrunde:
Die
Follikelreifung ist abhängig von der Aromatisierung bestimmter Vorstufen
von Sexualhormonen (C19-Steroide) in den Granulosazellen des Ovars. Die
Aromatisierungskapazität wird durch Androgene behindert.
PCOS ist
vergesellschaftet mit einer partiellen Insulinresistenz bestimmter
Gewebeszellen. Insulin beeinflusst an den Insulinrezeptoren der
Zellmembran den Einstrom von Glucose in das Zellinnere. Im Ovar erfolgt
die Follikelreifung und Steroidhormon-Bildung durch Stimulation der
Insulin-ähnlichen Wachstumsfaktoren (Insulin-like Growth Factors (IGF I
und II)). Die IGF sind dem Insulin strukturell sehr verwandt und werden
deshalb in ihrer Wirkung ebenfalls behindert.
Reifende
Follikel bilden normalerweise vermehrt Östrogene. Östrogene vermindern als
Rückkopplung die Bildung von Follikel-Stimulierendem-Hormon (FSH) in der
Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und bewirken damit eine Senkung des
FSH-Spiegels.
Bei
ausreichend hohen Östrogenspiegel bildet die Hypophyse auf Reiz durch eine
Gehirnstruktur (Hypothalamus) ein eisprungauslösendes Hormon (Luteinisierendes
Hormon, LH).
Das Ovar
reagiert auf höhere LH-Spiegel mit vermehrter Bildung von Androgenen. Da
aber ein sprungreifer Follikel nicht anglegt ist, wird die LH-Produktion
gesteigert und damit auch nur die Androgenproduktion in den Theka-Zellen
(LH-Wirkung). Auf den Reiz von Androgenen kommt es im Ovar zu einer
Zunahme der Bindegewebszellen (Theka-Zellen und Tunica albuginea =
Eierstock-Hülle) und damit zu einer noch höheren Androgensynthese. Im
Fettgewebe der Frau werden Androgene zu Östrogenen umgebaut.
Das PCOS
basiert also auf einer Follikelreifungsstörung, die ihre Ursache in einer
Insulinresistenz des Ovarialgewebes und/oder einer vermehrten Bildung von
Androgenen (z.B. auch aus der Nebennierenrinde) haben kann. Da die
Androgene im Fettgewebe in Östrogene umgewandelt werden, wird die
Hirnanhangdrüse in der FSH-Produktion unterdrückt und versucht ihrerseits,
durch vermehrte LH-Sekretion einen Eisprung auszulösen. Das muss aber
frustran bleiben, weil kein sprungreifer Follikel vorhanden ist.
Andererseits verursacht die LH-Produktion eine gesteigerte
Androgenproduktion in den Ovarien, die ihrerseits zu einer Vermehrung der
Androgene bildenden Zellen führt und die Follikelreifung behindert.
Androgene werden normalerweise durch das Sexual-Hormon-Bindungs-Globulin (SHBG)
gebunden und inaktiviert. Dummerweise verhindert die Insulinresistenz die
Bildung dieses Eiweisskörpers in der Leber, weshalb die Androgene einen
hohen Wirkspiegel behalten.
Die
Insulinresistenz verursacht einen diabetogenen (zuckerkrankähnlichen)
Stoffwewchel, bei dem Glucose in Fette umgebaut werden kann. Es kommt zu
einer Vermehrung des Fettgewebes und damit auch zu einer Erhöhung der
Östrogensynthese aus den bereits vermehrten Androgenen. Nebenbei kann sich
der LDH:HDH-Quotient übrigens negativ auswirken.
Die
Wirkungen der übersteigerten Androgenproduktion können sich in einer
"Vermännlichung" der Frau bemerkbar machen - so zu sagen an Haut und Haar.
Das
fatale am PCO-Syndrom ist, dass es über die Follikelreifungsstörung eine
Ursache ungewollter Kinderlosigkeit ist, ausbleibende Regelblutungen
verursachen kann und reproduktionswillige Paare belastet. Daneben können
natürlich auch die androgenen Nebenwirkungen an Haut und Haaren eine
erhebliche Belastung für die Frau, ihre Psyche und ihr soziales Erleben
darstellen.
Wie
kann man helfen?
Wichtig
ist, die Hirnanhangdrüse und die Ovarien bezüglich der PCO-Symptomatik
zunächst vorübergehend auszuschalten. Das geschieht durch orale
Ovulationshemmer, also die Pille. Es klingt widersinnig, nicht vorhandene
Ovulationen durch Ovulationshemmer zu beseitigen, macht aber vor dem
geschilderten Hintergrund dennoch Sinn. Dabei sollten Gestagene bevorzugt
werden, die Androgenen ähnlich sind und ihre Bildung und/oder Wirkung
hemmen. Zu diesen Gestagenen gehörten Cyproteronacetat, Chlormadinonacetat
und Dienogest in Präparaten wie Diane 35, Ovisiston, Gestamestrol,
Neo-Eunomin oder Valette.
Heute steht vor allem
Drospirenon, als Gestagen aus Mineralocorticoiden, zur Verfügung in den
Pillen Yasmin, Petibelle und in niedrigerer Östrogenkonzentration Aida
oder Yasminelle. Diese sollen den zusätzlichen Vorteil haben, eine
vermehrte Flüssigkeitseinlagerung im Gewebe und damit eine Gewichtszunahme
zu verhindern.
Bei
Übergewicht sollte eine Gewichtsreduktion und Verminderung des Fettgewebes
im Vordergrund stehen, um die gesteigerte Östrogen- und damit auch
LH-Synthese zu blockieren.
Bei
diabetogener Stoffwechsellage wird eine Therapie wie bei Diabetes mellitus
Typ II mit oralen Antidiabetika empfohlen, die die Insulinresistenz am
Rezeptor herabsetzen und die IGF-Funktionen wieder herstellen.
Hier empfiehlt sich der off-label-use von
Metformin. Unter Metformin sinkt der bei PCO-Syndrom häufig erhöhte
AMH-Spiegel im Blut und es setzen ovulatorische Menstruationszyklen
ein.
Bei
Kinderwunsch wird ein stufenweises Konzept möglichst unter Vermeidung
eines wahrscheinlichen Überstimulastionssyndroms empfohlen. Als Mittel der
ersten Wahl wird Clomifen empfohlen. Die kumulativen Schwangerschaftsraten
liegen bei 50%. Nach erfolgloser Clomifen-Therapie werden reine
Gonatrotopine eingesetzt werden (FSH), wobei allerdings ein ovarialles
Überstimulationssyndrom und ungewünschte Mehrlingsschwangerschaften
vorprogrammiert sein können. Bei weiterer Erfolglosigkeit empfiehlt sich
eine pulsatile GnRH-Therapie, die die Koppelung zwischen Hypothalamus und
Hypophyse unterbricht. Hier sind häufiger Einlingsschwangerschaften zu
erwarten und das Fehlen eines Überstimulationssyndroms. Nach erfolgter
Down-Regulierung wird allerdings eine Stimulationstherapie erfolgen, die
wieder Überstimulationssyndrome und Mehrlingsschwangerschaften zur Folge
haben kann.
Bei
weiterem ergebnislosem Therapie-Verlauf bleibt die chirurgische
Intervention mit laparokopischer Zerstörung der persistierenden Follikel
mit modifizierten Techniken. Die 1935 von Stein und Leventhal beschriebene
Keilexcision ist seit Jahren verlassen worden. Schließlich bleibt noch die
Möglichkeit, Eizellen aus unreifen Follikeln zu gewinnen, und sie in vitro
("Reagenzglas") zur Befruchtungsfähigkeit heranzuzüchten. Anschließend
verfährt man wie bei der IVF- oder ICSI-Methode.
Zusammenfassend ist das "PCO-Syndrom" möglicherweise eine aus Unkenntnis
zu häufig gestellte Diagnose. In Kenntnis der Pathophysiologie eröffnen
sich allerdings zahlreiche Therapiepotenziale. Insofern ist das PCOS
durchaus beherrschbar und therapierbar.