Das Reich der
Sinne
Noch vor einigen Jahrzehnten
glaubten Mediziner, dass das Leben erst mit der Geburt wirklich beginnt und
das Neugeborene erst nach der Geburt Empfindungen und sinnliche Wahrnehmung
hat. Heute wissen wir, die Welt der Sinne beginnt viel früher.
Schon in der Embryonalzeit,
also vor der 12. Schwangerschaftswoche ist das Kind ständig in Bewegung und
es kann auch schon mit den Fingerchen greifen. Mit zunehmender Ausbildung
seiner Hände und Füße wird es aktiver und vertreibt sich die "Langeweile".
Immer wieder sieht man bei Ultraschall-Untersuchungen Kinder, die sich an
den Fußen spielen oder Daumen lutschen.
Der Fetus lebt quasi
schwerelos im Fruchtwasser, könnte man meinen. Doch sicherlich kann er
registrieren, ob seine Mutter sitzt, geht, steht oder liegt. Sein Innenohr,
und damit das Gleichgewichtsorgan, ist in der Mitte der Schwangerschaft
bereits ausgebildet.
Und damit kann das Kind
natürlich auch hören. Von himmlischem Frieden kann nicht im Geringsten die
Rede sein. Laut geht es zu im Mutterleib. Das Herz der Mutter schlägt und
dröhnt, das Kind sitzt unmittelbar darunter. Das Blut fließt durch die
Nabelschnur und verursacht Strömungsgeräusche wie eine WC-Spülung. Direkt
nebenan arbeitet Mamas Darm. Na ja, einen knurrenden Magen hört man
meterweit. Aber selbst wenn man ihn von außen nicht hört, drinnen macht die
Verdauung höllisch Lärm.
Es hat sicherlich einen
Grund, dass Babys nach der Geburt im Auto gut schlafen können. Es ist der
gewohnte Geräuschpegel. Die mütterliche Stimme hört das Kind über die
körperliche Weiterleitung der Schallwellen recht gut, wenn man davon
absieht, wie hoch der Lärmpegel im Mutterleib ist. Geräusche von außen oder
die Stimme des Vaters kommen nur noch sehr gedämpft an. Auch wenn sich nach
der Geburt alles anders anhört, die Modulation der Stimmen oder sogar von
der Mutter häufig gehörte Musik kann das Kind möglicherweise wiedererkennen.
In der 8. Woche sind die
Augen bereits angelegt. Die Augenlider schließen sich. Trotzdem kann das
Kind hell und dunkel wahrnehmen, also auch Licht, das wegen der mütterlichen
Durchblutung rot durch die Bauchdecke schimmert.
Der Geschmackssinn
ist ebenfalls schon recht früh entwickelt. Geschmack nimmt der Fetus über
das Fruchtwasser wahr. Geschmacksstoffe aus dem Essen der Mutter sollen in
das Fruchtwasser gelangen, von dem der Fetus trinkt. Das Fruchtwasser
scheidet er übrigens auch wieder aus. Aus Tierversuchen weiß man, dass
Kaninchen, deren Mütter während der Schwangerschaft mit Wacholder gefüttert
wurden, diese Pflanze später besonders gerne fressen. Was daran wahr ist,
sei dahingestellt. Es scheint aber auch später so zu sein, dass das
kindliche Wohl- oder Missbefinden sehr von der Nahrungsaufnahme der
stillenden Mutter abhängig ist. Bislang nicht untersuchte Aromastoffe im
Blut, im Fruchtwasser oder in der Muttermilch mögen hier eine Rolle spielen.
Das Kind empfindet auch
Kälte, Wärme und Schmerzen. Bei mütterlichem Fieber, steigert es genau wie
die Mutter die Herzfrequenz. Bei einer Fruchtwasserpunktion schrecken die
Kinder vor der Punktionskanüle zurück, wenn sie in ihren Bewegungen zufällig
die Spitze treffen.
Das Reich der Sinne ist vielfältig im
Mutterleib. Wir sollten deshalb nicht vergessen, dass die meisten
körperlichen Reaktionen nicht durch äußere Reize ausgelöst werden. Sie
werden vielmehr bestimmt durch Überträgerstoffe, Hormone und Schadstoffe.
Das Kind reagiert wie die Mutter. Mütterlicher Stress führt zu kindlichem
Stress. Mütterliches Rauchen hilft dem Kind zu rauchen. Mütterliches Trinken
hilft dem Kind zu trinken.
Das Reich der Sinne beginnt
vor der Geburt.